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Peter Ensikat
Das schönste am Gedächtnis sind die Lücken
Lessing Verlag, München 2005


Ob das schönste am Gedächtnis tatsächlich die Lücken sind, ist nach der Lektüre dieses Buches nicht weniger zweifelhaft als zuvor. Zwar führt der Autor ebenso eindrucksvolle wie einleuchtende Beispiele für das selektive Gedächtnis auf, das Personen wie Nationen mit Blick auf die eigene Vergangenheit zu entwickeln pflegen, doch man muß schon die Freude an der Satire teilen, um diese Belege ausnahmslos schön zu finden.




„Nostalgie ist die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der man nichts zu lachen hatte.“ Peter Ensikat weiß, wovon er redet. Über mehr als drei Jahrzehnte hat er die Kabarett-Szene der DDR maßgeblich geprägt. In seinem neuen Buch resümiert er die wechselvolle Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert und findet nicht nur in der jüngsten Vergangenheit unseres Landes zahlreiche Belege für seine Faustregel: Je schlechter das Gedächtnis, desto schöner die Erinnerungen. Dies gilt keineswegs nur für die DDR, die dafür freilich besonders schöne Beispiele bietet. Auch für den Westen trifft sein selbstkritischer Hinweis zu, man wüßte das, was ist, mehr zu schätzen, wenn man das, was war, noch erkennen könnte.




In dem großen Bogen vom Anfang zum Ende des letzten Jahrhunderts zeigt Peter Ensikat manche verblüffenden Parallelen zwischen dem letzten sächsischen König Friedrich August und dem letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honecker auf und vergleicht sich selbst mit einem bekannten Satiriker der zwanziger und dreißiger Jahre, Hans Reimann, und dessen tatsächlichen und vermeintlichen Verwicklungen in nationalsozialistischer Zeit. Der angestellte Vergleich zwingt Peter Ensikat zur exemplarischen Behandlung der Frage, ob und wie systemstabilisierend die eigene Rolle als Kabarettist und Satiriker „zwischen Berufsverbot und Nationalpreis“ wohl gewesen sein mag: „Daß man als einzelner ja doch nichts machen kann – weder in der Diktatur, noch in der Demokratie –, der Satz muß immer herhalten, wenn man nicht zugeben will, daß es vor allem Feigheit oder Bequemlichkeit war, die einen hinderte, etwas zu tun oder zu lassen“. Es gehört zu den Vorzügen des durchweg autobiografisch geprägten Textes, daß der Autor den kritischen Spiegel nicht nur seinen Landsleuten, sondern immer auch sich selbst vorhält, und aus eigenen Erfahrungen die Erinnerungen rekonstruiert, deren Lücken nicht nur das Gedächtnis so schön machen, sondern auch die Beobachtungen und Einsichten, die sich darauf gründen.




Der Autor schreibt über Zeitabläufe und Zeitenwenden, die Herrscher und ihre Narren, die richtige und die falsche Seite, Patriotismus und Widerstand, er berichtet vom vergangenen Glück deutscher Zweistaatlichkeit und der begrenzten Freude über den Gewinn der Einheit. Peter Ensikat zählt sich selbst ausdrücklich zu den Gewinnern der deutschen Einheit, obwohl er „1990 nicht zu denen gehörte, die sie um jeden Preis und von heute auf morgen wollten, nachdem die Mauer gefallen war“. Der Westen habe gesiegt, die Vernunft leider nicht, meint er mit nüchternem Blick auf die neuen Verhältnisse, die zwar andere als die der Vergangenheit, aber eben auch wieder hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben seien. Hätte es im übrigen tatsächlich so viel Widerstand gegeben, wie in den Stasi-Akten stehe, hätte die DDR längst vor 1989 zusammenbrechen müssen.




Daß Kabarettisten übertreiben (müssen), darf man ihnen nicht ernsthaft vorhalten. Die Zuspitzung der Formulierung macht Errungenschaften wie Enttäuschungen besonders deutlich: „Der Kommunismus ist daran zugrunde gegangen, daß er eben keiner geworden ist. Der Kapitalismus dagegen könnte daran zugrunde gehen, daß er wirklich einer wird.“ Weder im Osten noch im Westen, bei den alten wie den neuen Landsleuten, wird Ensikat für seine häufig sarkastischen Beobachtungen ungeteilte Zustimmung finden. Sein Hinweis, er habe nicht geahnt, „daß wir unsere letzte Gemeinsamkeit in der gegenseitigen Abneigung finden würden. Und in der gegenseitigen Verdächtigung“, gehört zu den Übertreibungen, die zwischen zwei Buchdeckeln noch gewichtiger aufmarschieren als in einem heiter-bissigen Kabarett-Programm. Dies gilt z. B. auch für die kritische Auseinandersetzung mit Feindbildern und den dafür typischen Vereinfachungen: „Daß der Terrorismus genau so viel mit dem Islam zu tun hat wie Amerikas Präsident mit dem Christentum, das macht sie einander zum Verwechseln ähnlich“. Eben nicht.




Nicht immer folgt Peter Ensikat der sympathischen Einsicht, die Erkenntnis der eigenen Gewöhnlichkeit könne eben auch außergewöhnlich vorsichtig machen im Urteil über andere, zumal die Vorsicht für Kabarettisten nur außerhalb der Dienstzeit eine taugliche Maxime sein mag. Aber durchweg imponiert die doppelte Relativierung der eigenen Rolle als Künstler wie als Staatsbürger unter alten wie neuen Verhältnissen. Wann je habe eine neue Zeit gehalten, was sie versprochen hatte? Mögen die Hoffnungen auf das bessere Neue auch immer wieder enttäuscht werden, auf unser schlechtes Gedächtnis sei jedenfalls Verlaß: „Das Gedächtnis sucht die bessere Zukunft am liebsten in der Vergangenheit“. Verglichen mit dem, was ist, erscheine das, was war, meist nur noch halb so schlimm – schon weil man es hinter sich habe. Das verbinde selbst Wähler und Gewählte miteinander; sie steckten unter einer Decke, trauten einander aber nicht über den Weg.




Für Peter Ensikat ist die Überzeugung, daß früher alles besser war, „die einzige Hoffnung, die uns geblieben ist, in einer Welt, die einfach nicht besser werden will“. Wir hätten gelernt, aus immer mehr Wissen immer weniger Konsequenzen zu ziehen, weiter sei die Aufklärung bis heute nicht gekommen. Sind deshalb die Lücken das schönste am Gedächtnis?




Oktober 2005


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