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Urs Widmer
Shakespeares Königsdramen
Diogenes Verlag, Zürich 2004


„Es gab eine Zeit, da stand man, je mächtiger man war, desto näher an seinem Grabe“.


Die Zeiten, scheint es, sind vorbei, aber sie bleiben aufschlussreich nicht nur als dramatische Epoche einer langen zurückliegenden Geschichte, sondern als Dokumente beinahe zeitloser Ambitionen und Intrigen im ewigen Kampf um Macht und Herrschaft.


Urs Widmer behandelt den Ausschnitt aus der Geschichte Englands zwischen 1399 und 1533, den William Shakespeare in seinen Königsdramen zunächst auf die Bühnen Londons und später der ganzen Welt gebracht hat. „In diesen Jahren starben neun Könige, und manche von ihnen stiegen auf den Thron, während ihre Särge schon gezimmert wurden“.


Der Schweizer Autor will weder die historische Forschung vorantreiben noch den wohl bedeutendsten Dramatiker der Literaturgeschichte überbieten, sein ganzer Ehrgeiz besteht darin, „gute Geschichten zu schreiben und solche, die man, jenseits von Fragen der literarischen Qualität, als Inhaltsangaben lesen kann“.


Beides gelingt in bewundernswerter Weise. „Noch lebte er in einem Traum, aber er war am Erwachen und auf dem Weg in jene Welt, in der die, die nicht Könige sind, ihr Leben verbringen“, beschreibt er die gespenstische Szene der Abdankung Richard II. Und von seinem Nachfolger erfahren wir in einem einzigen lapidaren Satz, was seine Herrschaft prägte: „Heinrich IV. war ein König gewordener Rebell, der lebenslang gegen Rebellen kämpfte, die Könige werden wollten“.


Urs Widmer hat eine bemerkenswerte Begabung, in einer ebenso nüchternen wie illustrativen Sprache den flüchtigen Glanz und das handfeste Elend einer Zeit lebendig werden zu lassen. Dabei werden Banalität und Brutalität der Macht in einer Weise deutlich, die das eine vom andern kaum noch unterscheidbar macht und den Leser dringend wünschen lässt, in einer gründlich neuen Zeit zu leben, die solche monströsen Verirrungen nur noch aus Geschichtsbüchern kennt.


Leider und glücklicherweise unterschlägt Widmer die Einsichten nicht, die sich aus abgeschlossenen historischen Ereignissen auch für die Gegenwart gewinnen lassen oder gar für die Zukunft. „Wäre der selbstverständliche Anspruch der Götter und Kinder erfüllt, die Unsterblichkeit, alle müssten sich zweimal überlegen, was sie täten“. Da die Menschen nicht unsterblich sind, aber mehr oder weniger frei, solange sie leben, tun sie, was ihnen jetzt nützlich erscheint, jeder nach seinen Einsichten und Möglichkeiten. „Das Gewissen war die Fessel der Kleinen, es hinderte sie daran, mit den Großen Schritt zu halten, und das war die Wurzel der Ungleichheit“.


Das Buch ist informativ und geistreich, witzig und zugleich deprimierend, bequem ist es nicht. „Warum bleiben immer die übrig, von denen die Geschichte dann berichtet? Wo ist die Geschichte, die von denen spricht, von denen niemand spricht?“


Schade, dass Shakespeare diese Erzählungen nicht mehr hat lesen können. Er hätte gewiss grandiose Dramen daraus gemacht.




April 2007


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